Zwischen Gefängnis und Exil: KRITISCHER JOURNALISMUS IN DER TÜRKEI

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Zwischen Gefängnis und Exil: Kritischer Journalismus in der Türkei

Am 7. Februar 2025 fand im Gemeindezentrum der evangelischen Kirche Bensberg eine eindrucksvolle Informationsveranstaltung statt: „Zwischen Gefängnis und Exil: Kritischer Journalismus in der Türkei“. Im Mittelpunkt stand der kurdische Journalist Nedim Türfent, der aus erster Hand berichtete, was es bedeutet, in der heutigen Türkei mutig die Wahrheit zu schreiben – und welchen Preis man dafür zahlt.

Sechs Jahre und sieben Monate hinter Gittern

Nedim Türfent ist einer von vielen Journalist*innen in der Türkei, die wegen ihrer Arbeit ins Visier der Behörden geraten sind. 2016 berichtete er über die brutale Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung durch türkische Sicherheitskräfte. Wenig später wurde er unter konstruierten Terrorvorwürfen verhaftet – ein Schicksal, das viele unabhängige Journalist*innen in der Türkei teilen. Sein Prozess war eine Farce: alle Zeug*innen gaben später zu, unter Druck gegen ihn ausgesagt zu haben. Dennoch wurde er zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Nach sechs Jahren und sieben Monaten wurde er schließlich am 29. November 2022 freigelassen – doch von echter Freiheit kann kaum die Rede sein. Eine sichere Rückkehr in die Türkei ist für ihn unmöglich, da unabhängige Stimmen nach wie vor unerbittlich verfolgt werden.

Exil in Deutschland – und eine ungewisse Zukunft

Nach seiner Freilassung lebt Nedim Türfent heute in Deutschland. Ein hessisches Stipendium ermöglicht ihm vorerst ein sicheres Leben im Exil – doch diese Unterstützung läuft im Mai 2025 aus. Ohne ein Anschlussstipendium oder eine Resettlement-Möglichkeit müsste Nedim in die Türkeit zurückkehren – wo ihm weitere Verfolgung drohen könnte.

Bei der Veranstaltung in Bensberg sprach Türfent nicht nur über sein eigenes Schicksal, sondern auch über die prekäre Lage unabhängiger Journalist*innen in der Türkei. Er machte deutlich, dass der Druck auf Medienschaffende enorm ist: Wer kritisch berichtet, riskiert nicht nur Repressionen, sondern auch Gefängnisstrafen oder den völligen Ausschluss aus der Branche.

Die Unterdrückung der Pressefreiheit in der Türkei ist seit Jahren international dokumentiert. Menschenrechtsorganisationen berichten regelmäßig über willkürliche Verhaftungen, Gerichtsverfahren mit konstruierten Vorwürfen und staatliche Kontrolle der Medienlandschaft.

Eine Journalistin aus der kurdischen Region fasste die Situation gegenüber Human Rights Watch treffend zusammen:

„Es gibt viele Dinge, über die man berichten sollte, aber es gibt keine Medien mehr, in denen man das veröffentlichen könnte.“

Für Journalist*innen wie Nedim Türfent bedeutet das: Im Exil schreiben – oder schweigen.

 

Journalismus ist kein Verbrechen – Solidarität ist nötig

Der Fall von Nedim Türfent ist kein Einzelfall. Er steht für eine ganze Generation von Journalist*innen, die zum Schweigen gebracht werden sollen – und die dennoch weiter berichten, im Exil, im Untergrund oder sogar hinter Gefängnismauern.

Amnesty International fordert die Türkei auf, die Repression gegen unabhängige Medien sofort zu beenden und alle inhaftierten Journalist*innen freizulassen.

Gleichzeitig ist internationale Unterstützung wichtiger denn je. Denn ohne die Solidarität von Journalist*innen, Nichtregierungsorganisationen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen bleibt kritischer Journalismus in der Türkei eine lebensgefährliche Aufgabe.

Nedim Türfents Geschichte zeigt: Die Wahrheit braucht Schutz. Die Wahrheit braucht Menschen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Und die Wahrheit braucht uns alle.