Wir arbeiten seit 2018 an einem Russland-Fall:

“Unser” Fall, das ist eine ganze Familie aus dem südrussischen Voronezh. Die Familie Polukhin betrieb dort eine Bäckerei mit Café. Wie in Russland üblich, wurden dort auch Backwaren mit Mohn verkauft. Im März 2010 sahen sich die Polukhins plötzlich einer Anklage wegen Drogenhandels ausgesetzt, was sie zunächst kaum glauben konnten. Allerdings hatten sie es vorher abgelehnt, Schutzgelder an die örtliche Drogenbehörde zu zahlen. Im Juli 2015 wurden Vater, Mutter, Tochter und Schwägerin wegen Drogenhandels zu Haftstrafen von über 8 Jahren verurteilt. Ihre Berufung wurde abgelehnt. Amnesty London schaltete sich schon 2016 ein, in einem Briefwechsel mit der Generalstaatsanwaltschaft wurde unserer Organisation mitgeteilt, der Prozentsatz von Opiaten in den beschlagnahmten Mohnsäcken der Bäckerei sei verhältnismäßig niedrig gewesen (und damit eigentlich vollständig legal), dennoch blieben die Polukhins zunächst weiterhin inhaftiert. Es gibt Hinweise, dass dieses nicht der einzige Fall ist, in dem Bäcker wegen Drogenhandels (durch Verkauf von Mohn- und Mohnprodukten) angeklagt wurden.

Stand November 2021:

Uns ist bekannt, dass in Russland selten einmal getroffene Gerichtsentscheidungen revidiert werden. Trotzdem wandten wir uns weiter an die Behörden (Generalstaatsanwalt, Büro des Präsidenten). Außerdem schrieben wir Briefe und Karten an die Familienmitglieder, um sie moralisch zu unterstützen. Nachdem wir mehrmals an die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau geschrieben hatten und vier Mal Antwort bekamen (also vier Schreiben der Generalstaatsanwaltschaft), waren uns mehr oder weniger die Argumente ausgegangen, d.h. wir konnten nur noch unsere Argumentation für eine Neuauflage der Gerichtsverhandlung wiederholen oder uns auf Gnadengesuche verlegen. Die Ankündigung (von nicht-offizieller russischer Seite), Alexander Polukhin käme wohl demnächst frei und seine Tochter Evgeniya wohl auch, traf uns deshalb total unvorbereitet.

Inzwischen (November 2021) hat sich einiges getan: Zwei Familienmitglieder, Vater Alexander Polukhin und Tochter Evgeniya Polukhina, sind frei: Alexander wurde am 20. Februar 2020 aus dem Straflager entlassen, Evgeniya kam “wegen guter Führung” am 28. Februar frei, kurz vorher hatten wir noch einen längeren Brief von ihr erhalten. Die Mutter Maria Polukhina und ihre Schwester Nina Chursina waren Anfang 2021 noch in Haft; laut einer Nachricht von Alexander an uns gab es aber die Hoffnung, dass sie in der ersten Jahreshälfte “wegen guter Führung” freikommen könnten; deshalb bat er uns, vorläufig nichts zu unternehmen. Leider haben wir dazu noch keine Nachricht erhalten – und wir möchten den Familienvater auch nicht durch Mailkontakte ins westliche Ausland kompromittieren, die eventuell den Behörden bekannt werden könnten.

Zur Information: Mohnsamen enthalten immer, auch in Deutschland, eine geringe Menge von sog. “Mohnstroh”, Opiate, also narkotische Substanzen – diese ist aber bei frei gehandeltem Mohn so gering, dass sie vernachlässigt werden kann.

12. November 2021